Cordula Forster, Masterstudentin Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth

Durch den im Herbst 2015 beschlossenen Gesetzesentwurf zum Verbot der geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe und der damit verbundenen ethischen Debatte stellt sich vor allem die Frage, welche Ansichten in der gesellschaftlichen Diskussion vertreten sind und vor welchem ethischen Hintergrund argumentiert wird. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Betrachtung, wem gegenüber eine Person Verantwortung tragen muss, was ein Wesen über-haupt zu einer Person macht und wie sich das auf die Haltung zur aktiven Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung auswirkt. Als Beispiele können hierbei die christliche Ethik nach Eberhard Schockenhoff und der Präferenzutilitarismus nach Peter Singer miteinander verglichen und auf innere Kohärenz und Praxistauglichkeit geprüft werden.

Singers Personenbegriff ist an die Eigenschaft gebunden, sich seiner selbst als zeitliches Wesen wahrnehmen zu können. Verantworten muss sich eine Person vor der Gesellschaft und vor sich selbst, sodass assistierter Suizid und aktive Sterbehilfe unter den Bedingungen der Freiwilligkeit, vollständigen Information und Dauerhaftigkeit des Willens erlaubt sind, Personen jedoch nicht ohne ihren Willen getötet werden dürfen. Bei Menschen ohne Personenstatus (zum Beispiel durch bestimmte geistige Behinderungen, Krankheiten oder Koma ohne Aussicht auf Besserung des Zustandes) ist die Durchführung der Sterbehilfe bedingungslos legitim, da diese kein Bewusstsein und somit keine Präferenz haben, weiterleben zu wollen. Dies nennt er nichtfreiwillige Sterbehilfe. Singers Ethik birgt jedoch das Problem, dass seine Kriterien des Personseins zu unpräzise sind, um genau zwischen Person und Nicht-Person unterscheiden zu können. Zudem ist seine Ethik nicht mit dem Grundgesetz, das jedem Menschen eine Würde zuschreibt, und dem ärztlichen Ethos vereinbar.

Schockenhoffs Ethik bezieht sich auf das Geschenk des Lebens von Gott, das jedem Menschen gegeben wurde, sodass der Personenbegriff auf jeden Menschen zutrifft und der Mensch sich durch diese besondere Beziehung zu seinen Mitmenschen und zu Gott vor sich selbst, vor anderen und vor Gott verantworten muss. Daher darf er sein Leben nicht selbständig beenden, womit aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid verboten sind. Jedoch ist fraglich, ob man aus dem Geschenk des Lebens wirklich eine Pflicht ableiten kann, dieses auch anzunehmen. Zudem wäre eine Gesetzgebung, die allein auf der christlichen Ethik begründet ist, mit der religiösen Neutralität des Staates nicht vereinbar.

Das Ergebnis dieser Überlegungen besteht also darin, dass beide Ethiken sehr extreme Positionen beziehen und daher eine Zwischenlösung erstrebenswert ist. So sollte der Lebensschutz der christlichen Ethik und ein damit einhergehendes Verbot der nichtfreiwilligen Sterbehilfe im Vordergrund stehen, gepaart mit einer Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe und besonders des assistierten Suizids unter den Bedingungen der Freiwilligkeit, Zwanglosigkeit und Dauerhaftigkeit des Sterbewillens, umfassender Aufklärung und Bekräftigung eines zweiten unabhängigen Gutachters. Die Ergebnisse dieser Betrachtungen können gerade in Hinblick auf den demographischen Wandel als Basis zur Diskussion über die damit einhergehende zunehmende Palliativmedizin und Anwendung lebenserhaltender Maßnahmen und deren möglicher moralischer Grenzen dienen.

 

Ethische Kontroverse der Sterbehilfe

2 Gedanken zu „Ethische Kontroverse der Sterbehilfe

  • 27. Oktober 2017 um 18:21
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    Ihre Betrachtung zeigt gut das Dilemma. Hier kommen ein paar Erfahrungen aus der Praxis. Ein unheilbar kranker Mensch kann sein ganz persönliches Dilemma erleben. In meiner Tätigkeit als Seniorenbegleiter endete die Begleitung einige Male mit dem Tod der von mir Begleiteten im Pflegeheim und im Hospiz. Schier unaushaltbare Schmerzen, dramatische körperliche Veränderungen, das Wegbrechen von gewohnter Lebensqualität, sich überzählig zu fühlen, aber zum Aushaltenmüssen gezwungen zu sein, ließen die Möglichkeit eines raschen Endes durch Sterbehilfe zur echten Option werden. Doch der Gedanke daran machte auch Angst. Das Aufzeigen von Alternativen war hilfreich. Schmerzfreiheit durch Palliativmedizin, meine häufigere, auf Wünsche eingehende Begleitung, die Gewissheit, zwar oft allein, aber nicht einsam zu sein, waren ein Ausweg, Suizid und Sterbehilfe keine Themen mehr. Das Warum, die Motivation für den Sterbewunsch der Betroffenen spielen offenbar eine große Rolle. Ein mögliches Studien-Thema? Herzlichst Uwe Ewald http://www.seelenlang.de

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    • 2. November 2017 um 12:35
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      Vielen Dank für Ihren Kommentar, es ist sehr schön, zu dem Thema auch einmal eine Sichtweise aus der Praxis zu lesen, von Menschen, die das Dilemma hautnah miterleben. Sicherlich sollten Suizid (mit oder ohne Hilfe) und Sterbehilfe nicht als Ersatz palliativer Sterbebegleitung missbraucht werden. Daher gebe ich Ihnen vollkommen Recht, dass die Motivation für den Sterbewunsch immer hinterfragt werden muss und das Warum eine große Rolle spielt. Daher sollte es auch einen rechtlichen Rahmen geben, der verlangt, diese Motivation zu hinterleuchten, bevor man einen Sterbewunsch blind erfüllt. Insofern ist die zugrunde liegende Motivation dafür auf jeden Fall ein mögliches, aber auch wichtiges Thema für die weitere Diskussion über eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe oder des assistierten Suizids.

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