Harald Stollmeier M.A., Pressesprecher der Novitas BKK, Ethikjournalist und Autor

Der australische Philosoph Peter Singer ist so etwas wie der Gottseibeiuns der christlichen Lebensrechtler. Singers Präferenzutilitarismus macht die Leidens- und Glücksfähigkeit zum Maßstab für die Menschenrechte. Soweit sich daraus analoge Rechte für Tiere ergeben, deren Leidensfähigkeit unserer ähnelt, muss das keinen Christen zur Verzweiflung bringen. Aber die Zeche dafür zahlen die menschlichen Embryonen, deren Leidensfähigkeit für Singer geringer ist als die eines Huhns, und deren Tötung er folglich nicht als in sich böse anerkennt.

Zwar ist das nicht gleichbedeutend mit einem Blankoscheck für Schwangerschaftsabbrüche. Die moralische Schnittmengen des Singerschen Präferenzutilitarismus und des Christentums beim Lebensrecht ist sogar beachtlich:: Anders als viele Anhänger eines Rechtes auf Abtreibung glauben mögen, sind die meisten Schwangerschaftsabbrüche nämlich auch für Peter Singer nicht gerechtfertigt, weil sie nicht dem Willen beider Eltern entsprechen und außerdem die Folge einer Notlage sind, die noch dazu sehr oft behebbar wäre. Das heißt auch: Bei konsequenter Anwendung der Vorstellungen Peter Singers gäbe es in Deutschland, im Grunde aber wohl über all, nicht mehr Schwangerschaftsabbrüche sondern deutlich weniger als jetzt. Das gilt auch für Schwangerschaftsabbrüche wegen Trisomie 21 und ähnlicher Diagnosen: Diese Diagnosen rechtfertigen für sich genommen auch bei Peter Singer keinen Schwangerschaftsabbruch.

Dennoch bleibt ein tiefer Graben zwischen Singer und den christlichen Vorstellungen, nach denen der Embryo, weil ab Vorliegen eines diploiden (doppelten) Chromosomensatzes zweifelsfrei ein Mensch (das sieht übrigens auch Singer so), das volle Lebensrecht eines Menschen hat und seine Tötung immer ein Unrecht ist – unabhängig von der Leidens- und Glücksfähigkeit eines Menschen in diesem frühen Stadium seiner Entwicklung.

In seiner Praktischen Ethik (Reclam, S.177-195) stellt sich Singer den Einwänden gegen seine Einordnung des Embryonen, auch dem Einwand, der Embryo werde ja normalerweise automatisch zu einem Menschen, der so leidens- und glücksfähig ist, dass kein Präferenzutilitarist seiner Tötung noch zustimmen könnte. Für Singer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Entwicklung eintritt, nicht hoch genug, als dass er seine Einschätzung revidieren würde.

Zwei Einwände sind geeignet, diesen Graben zwischen Singer und dem Christentum weitgehend zu überbrücken. Erstens gilt das für das Entwicklungspotenzial des Embryonen. Für Peter Singer ist entscheidend, dass viele Embryonen von selbst sterben oder gar nicht erst zur Einnistung gelangen. Der Europäische Gerichtshof kommt in seiner Entscheidung zur Patentierbarkeit menschlicher embryonaler Stammzellen (Alle Dokumente hier: http://goo.gl/btQC5x) zu einem anderen Ergebnis. Er folgt den Schlussanträgen des Generalanwalts Cruz Villalón, nach denen nur Eizellen patentiert werden dürfen, die nicht das Potenzial haben, zum Menschen zu werden („Parthenoten“). Eizellen, die dieses Potenzial haben (befruchtete Eizellen mit väterlicher DNA), dürfen nicht patentiert werden, denn sie haben Anteil an der Menschenwürde.

Das Potenzial alleine reicht dem EuGH aus, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit seiner Verwirklichung. Man wird das auf Embryonen im Mutterleib und ihr Lebensrecht, das elementarste aller Menschenrechte, übertragen dürfen (übrigens auch mit nachteiligen Folgen für die Bestrebungen, ein „Recht auf Abtreibung“ zu kodifizieren). Es ist wahr, dass dieses Urteil im aktuellen Zusammenhang einen Fortschritt für die Embryonenforschung darstellt – Lebensrechtler hatten gehofft, auch die Parthenoten würden von der Patentierbarkeit ausgeschlossen. Aber für redliche Präferenzutilitaristen muss es ein Zeichen sein.

Der zweite Einwand ist im Gegensatz zum ersten nicht rechtswirksam, dafür aber logisch und muss einen Philosophen vom Kaliber Peter Singers eigentlich besonders schmerzen: Seine Wahrscheinlichkeitsrechnung zur „Personwerdung“ des Embryonen ist obsolet, weil genau diese Wahrscheinlichkeit das Motiv für beinahe jeden Schwangerschaftsabbruch ist. So gut wie jeder einzelne Schwangerschaftsabbruch (die seltenen Fälle von Anenzephalie u. ä ausgenommen) wird präzise deshalb vorgenommen, weil nur so zu verhindern ist, dass der Embryo bzw. Fötus eine Person im Sinne des Präferenzutilitarismus wird.

Ein tiefer Graben: Peter Singer und das Lebensrecht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.