Christine M. Hendriks

Ohne Konservierungsstoffe, ohne künstliche Farbstoffe, ohne Zuckerzusatz. Diese Angaben finden wir seit Jahren auf beinahe jedem Artikel im Supermarkt. Sie sind werbewirksam, denn die Kunden erwarten gesündere hochwertige Produkte mit ursprünglichem Geschmack wie aus Omas Kochtopf. Irgendwie paradox, denn Großmutter verwendete doch nur die gute Butter. Eine Steigerung: ohne Kohlenhydrate, ohne Fett. Da sind die Hersteller Nutznießer fragwürdiger Diäten. Werben mit dem, was Nahrungsmittel nicht enthalten − das funktioniert nur, wenn die Qualität von den Dingen, die wir essen, grundsätzlich angezweifelt werden muss …

Diese im wahrsten Sinne ungesunde Entwicklung ist profitabel. „Free from“ boomt und füllt die Regale mit einer neuen Auswahl sinnentleerter Verpackungsangaben. Lactosefreie Sojamilch, glutenfreie Kartoffelchips und sogar glutenfreies Mineralwasser − die Unverträglichkeiten eines kleinen Teils der Bevölkerung sind ein praktischer Aufhänger zur Vermarktung ganzer Produktserien. Sicherer Genuss für Menschen mit Lactoseintoleranz oder Zöliakie, aber auch Manipulation. Solche Angaben suggerieren Gesundheit und vor allem einen modernen Lebensstil. Und wer wirklich kein Gluten verträgt, hat ein Problem durch diesen Trend: Wer nimmt seine Unverträglichkeit noch ernst?

Neben dem Bewusstsein für die eigene Gesundheit ist das Schicksal der Nutztiere von wachsendem Interesse und ein offensichtlich wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung. Glückliche Schweine sind leider nicht mehr normal sondern bio. Als Alternative generieren die Lebensmittelhersteller eine Fülle tierfreier Fleischprodukte. Sogar der Inbegriff der Leberwurst produziert vegetarische Schnitzel. Da fällt es beinahe nicht mehr schwer, zu verzichten. Aber was steckt eigentlich in der schweinfreien Alternative mit Fleischgeschmack und wie wird es angebaut und verarbeitet? Werden Soja und Getreide ökologisch angepflanzt ohne die Menschen und die Umwelt schädigen? Werden die Rohstoffe fair gehandelt, die Menschen gerecht bezahlt für eine Arbeit unter menschlichen Bedingungen? Diese Fragen sollten wir uns als mündige Verbraucher stellen, aber Antworten gibt es auf den Verpackungen nur selten.

Angesichts des riesigen Sortiments in Supermärkten und Discountern brauchen wir eine Bewältigungsstrategie. Freiwillig ohne etwas zu leben ist ein neuer Ausdruck von Selbstbewusstsein und ermöglicht Abgrenzung von denen, die es sich nicht aussuchen können bzw. wollen. Egal aus welchen Beweggründen wir uns trendbewusst befreien, der Verzicht nimmt uns nicht die Entscheidung für Qualität und Fairness ab. Würden wir heute Kekse kaufen, auf deren Verpackung der Aufdruck prangt: mit Butter und Zucker?

Du bist was du isst
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