Katharina Sonntag, Absolventin (B.Sc) der Katholischen Stiftungshochschule München

 

„Jeder Mensch hat uneingeschränkten Anspruch auf die Respektierung

seiner Würde und Einzigartigkeit.“

(BMFSJ/BMG 2014, Pflege-Charta, Präambel)

 

Würde ist ein in der Pflege untrennbar mit dem Patienten verbundener Begriff und wird in der Regel ausschließlich in dessen Richtung betrachtet. Die aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen, wie die zunehmende Ökonomisierung und die damit einhergehende erhöhte Arbeitsverdichtung, haben Auswirkungen auf die pflegerische Versorgungsqualität sowie Patientensicherheit und rufen letztlich die unzureichende Achtung der Würde des Patienten ins Bewusstsein. Zwar sind die Arbeitsbedingungen der Pflegenden ein Teil in der Betrachtung dieser Problematik, jedoch bleibt die Frage nach der Würde der Pflegekraft dabei meist unberücksichtigt. Da sich Pflege aber als Beziehungsarbeit durch eine hohe Wechselwirkung zum Patienten auszeichnet, sollte die Würde-Thematik in der Pflege nicht nur einseitig betrachtet werden. Zur Erweiterung dieser bisherigen Perspektive steht im Rahmen meiner Bachelorarbeit „Die Würde der Pflegekraft ist (un)antastbar“ die Würde der Pflegekraft hinsichtlich folgender Frage im Fokus. Kann die Würde der Pflegekraft im beruflichen Alltag vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen sowie ihrer politisch-rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung garantiert werden?

Aufgrund der geringen theoretischen Ausgangsbasis, wird für eine theoriegeleitete Überprüfung zunächst das Würde-Konzept von Lennart Nordenfelt dargelegt, welches aufgrund seiner kontingenten Würde-Typologien sowie des Bezugs zur Menschenwürde von Relevanz ist. Da das heutige Menschenwürde-Verständnis maßgebend durch Immanuel Kant geprägt wurde, wird die Menschenwürde anschließend durch sein Konzept konkretisiert. Um die Garantie der Würde der Pflegekraft im beruflichen Setting zu überprüfen, werden diese beiden Konzepte in den Bezug zur Pflege gesetzt. Dabei steht zunächst die kontingente Würde der Pflegekraft entsprechend der drei Typologien nach Nordenfelt im Fokus, welche die Würde ihres beruflichen Amtes, ihres moralischen Selbstverständnisses und ihrer beruflichen Identität umfassen. Im Anschluss wird auf der Basis von Kants Menschenwürde-Konzept untersucht, inwieweit der Achtungsbereich ihrer Menschenwürde im beruflichen Kontext gewahrt wird.

Die Arbeit zeigt auf, dass die kontingente Würde der Pflegekraft nicht gänzlich unversehrt ist und sogar die Tendenz besteht, dass der Achtungsanspruch ihrer Menschenwürde auf der beruflichen Ebene nicht absolut gewahrt wird. Ausschlaggebend ist letztlich die unzureichende berufliche Autonomie in allen Bereichen und dahingehend insbesondere ihr niedriger Status auf der politisch-rechtlichen Ebene, welcher eine benachteiligte Position im gesteigerten Ökonomisierungsprozess bedingt. Weiter noch wird ersichtlich, dass sich die unzureichende Garantie der Würde der Pflegekraft in negativer Weise auf den Patienten auswirken kann. Konklusiv ergibt sich daraus die Notwendigkeit, dass künftige Untersuchungen zur Würde im Forschungsfeld der Pflege die Wechselwirkung zwischen der Achtung der Würde der Pflegekraft und des Patienten genauer betrachten und analysieren. Denn Würde ist ein Begriff, der im Kontext der Pflege nicht nur ausschließlich mit Blick Richtung Patient betrachtet werden darf, sondern um die Perspektive der Würde der Pflegekraft erweitert werden muss. In diesem Sinne muss darüber hinaus auch die Forderung laut werden, dass die Pflege von der hohen Fremdbestimmung gelöst und in ihrer beruflichen Autonomie gestärkt wird, was unter anderem die Aufwertung ihrer politisch-rechtlichen Position umfasst. Nur so kann die Würde des Patienten wie auch die der Pflegekraft weiterhin garantiert werden.

 

Literatur:

  • BMFSJ und BMG (2014): Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen – Pflege-Charta. Online-Publikation: https://www.pflege-charta.de/fileadmin/charta/pdf/140603_-_Aktive_PDF_-_Charta.pdf, Stand: 17.01.2017.
  • Braun, Bernard (2014): Auswirkungen der DRGs auf Versorgungsqualität und Arbeitsbedingungen im Krankenhaus. In: Manzei, Alexandra und Schmiede, Rudi (Hrsg.): 20 Jahre Wettbewerb im Gesundheitswesen. Theoretische und empirische Analysen zur Ökonomisiserung von Medizin und Pflege. Wiesbaden: Springer, S.91-114.
  • Isfort, Michael (2013): Der Pflegeberuf im Spiegel der Öffentlichkeit. In: Bundesgesundheitsblatt, Jg.56, Nr.8, S.1081-1087.
  • Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [=GMS]. In: Kants gesammelte Schriften. Herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften [= AA], Band IV, Berlin 1903/11, S.385-464.
  • Kant, Immanuel: Die Metaphysik der Sitten [=MS]. In: Kants gesammelte Schriften. Herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften [= AA], Band VI, Berlin 1907/14, S.203-494.
  • Nordenfelt, Lennart (2004): The Varieties of Dignity. In: Health Care Analysis, Jg.12, Nr. 2, S.69-80.
  • Schwinger, Antje (2016): Die Pflegekammer: Eine Interessensvertretung für die Pflege? In: Jacobs, Klaus et. al. (Hrsg.): Pflegereport 2016. Schwerpunkt: Die Pflegenden im Fokus. Stuttgart: Schattauer, S.109-126.
  • Simon, Michael (2014): Ökonomisiserung und soziale Ungleichheit in Organisationen des Gesundheitswesen – Das Beispiel des Pflegedienstes im Krankenhaus. In: Manzei, Alexandra und Schmiede, Rudi (Hrsg.): 20 Jahre Wettbewerb im Gesundheitswesen. Theoretische und empirische Analysen zur Ökonomisiserung von Medizin und Pflege. Wiesbaden: Springer, S.157-178.
  • Weidert, Sabine (2014): Pflegenotstand oder wie Pflegende die Not am eigenen Leib spüren. In: Böhme, Gernot (Hrsg.): Pflegenotstand: der humane Rest. Bielefeld: Aisthesis Verlag, S.99-114.
  • Zander, Britta et al. (2014): Implizite Rationierung von Pflegeleistungen in deutschen Akutkrankenhäusern – Ergebnisse der internationalen Pflegestudie RN4-Cast. In: Das Gesundheitswesen, Jg.76, Nr.11, S.727-734.
Die Würde der Pflegekraft ist (un)antastbar
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