Prof. Dr. Dr. Elmar Nass, Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der WLH Fürth

Prof. Dr. Elmar Nass

Das Entsetzen ist groß. Nach Brexit nun Trump. Und das, obwohl das landauf landab mal wieder gebetsmühlenartig für undenkbar gehalten wurde. Das ist ein Denkzettel. Nun ist es an der Zeit, endlich die Lektionen daraus zu lernen und Denkblockaden zu überwinden, der Demokratie zuliebe:

1.) Offenbar müssen die Meinungsforschungsinstitute Hausaufgaben machen. Ihre lieb gewonnen, doch überholten Vorstellungen von gesellschaftlichen Milieus taugen nicht mehr, um halbwegs verlässliche Prognosen zu liefern. Menschen ticken heute anders als es sich die Demoskopen denken oder wünschen.

2.) Clintons Wahlkampfmaschinerie operierte als digitales Meisterwerk des Marketings: Big Data als Instrument der möglichst personalisierten Ansprache, je nach sozialen Schichten, Alter, Geschlecht, Bildung etc. Diese Perfektion ist offenbar kein Garant für den Sieg. Das ist zumindest bedenkenswert.

3.) Es wird geklagt, so viele Ungebildete hätten die Wahl entschieden. Und: Das Wahlsystem sei schuld, weil Clinton zahlenmäßig mehr Stimmen erhalten habe. Nun, ob das mit den Bildungsgraden so stimmt, sei dahingestellt. Aber Demokratie funktioniert eben so, ob einem das Ergebnis passt oder nicht. Und jeder kennt auch den Auszählungsmodus. Also, solche Ausflüchte helfen nichts, um die Botschaft zu verstehen.

4.) Die Wahl zwischen Trump und Clinton steht vor allem für das, was viele Menschen in den USA (und auch anderswo) nicht mehr wollen: Jeder sieht, Trump ist ein Narzisst, der es mit der Moral nicht so ernst nimmt, der ein Lügenfeuerwerk abbrannte mit wahnwitzigen Ankündigungen und Diskriminierungen. Viele Republikaner distanzierten sich von ihm. Ergo: Es ging weniger um eine Wahl, sei es aus Begeisterung für eine Person, eine Vision oder eine Partei. Es ging um die Abwahl des eingesessenen Establishments.

5.) Was wurde abgewählt? Nicht allein Hillary Clinton. Sie steht nur exemplarisch für eine selbstgerechte Avantgarde, die sich im politischen System seit Jahren eingenistet hat, die ihr unliebsame Positionen einfach als verrückt oder alternativlos erklärt, die Pöstchen nepotistisch hin- und herschachert und der man einfach nicht mehr glauben will. Als Kind lernte ich von meinen Eltern: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht“. Für viele steht eine arrogant politische Elite eben für Intrige und Lüge, für Kälte ohne Herz. Das wollen viele Menschen nicht mehr. Da helfen auch mit digitaler Hightech perfektionierte Strategien nichts, wenn die wohl gefeilte Rede oder die virtuose Antwort im Fernsehduell nicht das Herz erreicht. Gefühl hat eben auch gesiegt über Berechnung. Nur ein Schelm, wer hier eine Parallele zum Brexit sehen mag? Obama oder Sanders hätten vermutlich gewonnen. Denn sie stehen mit Leidenschaft für Visionen, und sie zeigen Herz!

6.) Europa muss sich an seine Hausaufgaben machen. USA und Russland werden sich vermutlich annähern. Europa kann nicht erwarten, dass die USA ohne Gegenleistung Europa bedingungslos schützt. Der alte Kontinent muss wach werden und sich auf seine gemeinsame Identität besinnen, muss Profil zeigen – wirtschaftlich, politisch, kulturell, weltanschaulich und in Fragen militärischen Engagements. Doch was machen wir? Euro- und Flüchtlingskrise treiben uns auseinander, links- und rechtspopulistische Strömungen überall, dazu Brexit, Terrorangst, CETA-Peinlichkeit u.a. Umdenken ist endlich nötig. Um nationalen Egoismus zu überwinden und um zu begeistern für eine Vision Europas, die das Herz anspricht.

7.) Deutschland muss den Denkzettel verstehen. Schon seit der Jahrtausendwende belegen die Shell Jugendstudien hierzulande einen verkannten Trend: Das Interesse an Politik steigt, die Verdrossenheit über die Etablierten auch. Kein Wunder also, wie sich hier gerade politische Landschaften verschieben. Große Koalitionen sind der beste Nährboden für ungeliebtes Establishment. Nicht mehr unterscheidbar voneinander, abgehoben von den Gefühlen der Menschen, selbstgenügsam und vermeintlich alternativlos. Demokratie lebt dagegen von der beherzten Streitkultur markanter Positionen. Das bringt Lösungen voran und macht Lust auf Politik. Die Opposition macht es doch vor, auch die CSU. Parteien wie CDU und SPD sollten – abseits von dem unwürdigen Machtgeschacher um das Bundespräsidentenamt – lernen, wieder ausdrücklich christdemokratisch und sozialdemokratisch zu sein, miteinander mitreißend streitend und hart aber fair ringend, mit Herz und Argument statt mit … Sie wissen schon …

Danke für den Denkzettel!

Denkzettel für Demokratie – 7 Thesen
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