Lisanne Teuchert, Vikarin in Augsburg und Promovendin ev. Theologie

Seit geraumer Zeit – letztlich seit dem 11. September 2001 – hat es der islamistische Terrorismus geschafft, die politische Gesamtlage zu dominieren, in der nationale und internationale Politik agieren muss, sowie das Lebensgefühl, das sich durch die zunehmende

n Attentate in Westeuropa auch hier verändert. Religiöser Fanatismus gibt dabei zumindest die Legitimationsgrundlage nach außen und nach innen ab – nach außen in den Videobotschaften der Attentäter oder ihrer Organisationen, nach innen in der Indoktrination der Täter, die zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Kindern und Teenagern rekrutiert werden.

Christinnen und Christen blicken betroffen auf diese Vermischung von Religion und Terror und denken an die eigene Geschichte des Märtyrertums zurück. Sind Religionen nicht von vornherein verquickt mit der Bereitschaft, Leben für ein absolutes, ein letztes Ziel zu opfern? Denn sie verkündigen ein solches Letztes, das dann über alles andere gesetzt werden kann und für das ihre Anhänger ihr Leben zu geben bereit sind. Und das betrifft auch noch einen der modernen Märtyrer des Christentums, der im Grunde den Status eines „evangelischen Heiligen“ errungen hat und für viele GegenwartschristInnen zum Vorbild schlechthin avanciert ist: Dietrich Bonhoeffer. Tatsächlich kommen wir in eine vertrackte Lage, wenn wir seine Person mit religiösem Radikalismus ins Verhältnis setzen. War er doch selbst von seinem Glauben motiviert, sich an den Attentatsplänen auf Hitler zu beteiligen. Und wurde er doch zu einem „Märtyrer“, wie es zumindest die spätere religiöse Rezeption sieht, nämlich zu jemandem, der aus Glaubensgründen sein Leben riskierte und schließlich auch verlor.[1] War er nicht selbst ein religiöser Radikaler? Umso interessanter wird, was er selbst zu religiösem Radikalismus in ei

nem seiner letzten wissenschaftlich-theologischen Texte geschrieben hat, nämlich in den Fragmenten zu einer geplanten „Ethik“.

Bonhoeffer befasst sich dort mit den „letzten Dingen“. Damit sind in erster Linie Vorstellungen und Topoi gemeint, die biblischen Texten zufolge am Ende der Zeiten eintreten werden – der Jüngste Tag, das Weltgericht und die Auferstehung der Toten. In der Bezeichnung „letzte Dinge“ schwingt aber auch ein qualitativer Sinn mit, worauf Dietrich Bonhoeffer aufmerksam gemacht hat (Bonhoeffer, Ethik, 140)[2]: Das Letzte ist das Wichtigste. Bei Sätzen wie „Letzten Endes ist doch nur wichtig, dass…“ wird das klarer. Was letzten Endes zählt, ist das, worauf es wirklich ankommt. Die letzten Dinge haben damit zu tun, was wir – bewusst oder unbewusst – für das letztlich Entscheidende halten. Im Leben und darüber hinaus. Religiöser Radikalismus nun opfert alles einem solchen Letzten. Einer Idee, einem angenommenen Ziel der Geschichte, einem proklamierten Willen Gottes. Er tut das mit Blick auf das, was über den Tod hinaus reicht – was das Letzte ist, das zählt.

Hier unterscheidet Bonhoeffer zunächst das Letzte vom Vorletzten. Das Letzte im christlichen Kontext ist für ihn selbstverständlich religiös gefüllt: es ist Christus, genauer das Wort Gottes, das den Sünder gerecht spricht. Das Vorletzte ist alles andere, das sich heute und hier abspielt, also „vor“ dem eschatologisch Letzten: das Weltliche, d.h. Arbeit und Beruf, Leiblichkeit mit Essen und Trinken, Spiel

und Freizeit, Liebe und Sexualität, das politische Leben – das Menschsein im Ganzen und auch das Gutsein im Sinne der Ethik. Erst durch das Erscheinen des Letzten, durch den wiederkommenden Christus, der in der Welt einziehen will, werden diese Dinge zu etwas „Vorletztem“.

Es gibt nun zwei extreme Möglichkeiten, beides ins Verhältnis zu setzen: Entweder bleibt unser Horizont auf das Vorletzte beschränkt und das Letzte wird in einen anderen Bereich – das Jenseits – verbannt, sodass es zu all diesen Themen eigentlich nichts zu sagen hat (Bonhoeffer nennt diese Möglichkeit den „Kompromiss“). Es dient nur noch zur ewigen Rechtfertigung des Bestehenden (145). Oder aber das Letzte wird absolut gesetzt und das Vorletzte muss um seinetwillen zerstört werden. „Die radikale Lösung sieht nur das Letzte, und in ihm nur den völligen Abbruch des Vorletzten.“ (144) Das ist religiöser Radikalismus. Anstatt das Bestehende zu vergötzen, entspringt er „immer einem bewussten oder unbewussten Hass gegen das Bestehende“ (146). Für den Radikalismus ist das Leben immer nur das Mittel zu einem höheren Zweck, zum Zweck des Letzten. „Hier wird der Einzelne nur noch in seinem Nutzwert für das Ganze und die Gemeinschaft nur in ihrem Nutzwert für eine übergeordnete Institution, Organisation oder Idee verstanden.“ (172). In der religiösen Ideologie der Selbstmordattentäter heute scheint mir genau das der Fall zu sein, was Bonhoeffer hier in einer „Mechanisierung des Lebens“ (ebd.) erkennt: Leib und Leben werden zum Mittel zum Zweck eines geglaubten Letzten: der Vernichtung der Ungläubigen, der Ausbreitung des Islam oder der eigenen Erlösung im ewigen Leben.

Aber noch einmal: Hat Bonhoeffer genau das nicht selbst gelebt? Tatsächlich gibt es bei ihm den Aspekt, dass das Leben zum

Mittel zum Zweck werden kann. Denn Gott stellt das Leben in den „Dienst anderen Lebens und der Welt“; das macht „das Leben in begrenztem Sinne zum Mittel zum Zweck“ (171). Tatsächlich kann Leben also hingegeben werden im Dienst für andere und für die Welt. Aber entscheidend – auch für die theologiegeschichtliche Entwicklung der evangelischen Ethik – ist, was Bonhoeffer auf einer grundsätzlicheren Ebene festhält: Wenn das Letzte – für ihn das Geschehen, das Jesus Christus Menschen vor Gott gerecht macht – nur am Menschen zum Ziel kommt, dann ist nur der Mensch empfänglich für das Letzte (152). „Daraus folgt nun etwas entscheidend Wichtiges: Das Vorletzte muss um des Letzten willen gewahrt bleiben. Eine willkürliche Zerstörung des Vorletzten tut dem Letzten ernstlich Eintrag.“ (152) Das Letzte bricht das Vorletzte nicht ab, geht nicht darüber hinweg, sondern verleiht ihm gerade sein Recht und seine Würde. Konkret für das leibliche Leben

leitet Bonhoeffer daraus ab: „[D]as ursprünglichste Recht des natürlichen Lebens ist die Bewahrung des Leibes

vor beabsichtigter Schädigung, Vergewaltigung und Tötung. Das mag sehr nüchtern und unheroisch klingen. Der Leib ist aber in erster Hinsicht nicht dazu da, um geopfert, sondern um erhalten zu werden. Daß sich dann aus anderen und höheren Gesichtspunkten das Recht und die Pflicht ergeben kann, den Leib zu opfern, setzt schon das ursprüngliche Recht auf Erhaltung des leiblichen Lebens voraus.“ (179, vgl. auch 180)

Das lässt sich nur sagen, wenn wir an einen Gott glauben, der der Welt begegnet, anstatt sie zu zerstören. Der sie dadurch verändert, dass er mit ihr Kontakt aufnimmt. Durch die Menschwerdung in Jesus Christus liegt uns Christen dieser Gedanke besonders nahe. Aber wie uns Muslime weltweit zeigen, glauben auch sie an einen Gott, der seiner Schöpfung barmherzig begegnet.

Das alles zeigt mir, dass es nicht gleichgültig ist, worin dieses Letzte besteht, an das wir glauben. Dass die Utopien und apokalyptischen Fantasien des religiösen Radikalismus in seinen unterschiedlichsten Spielarten nicht austauschbar sind. Sondern dass der Inhalt des Letzten auf die Mittel abfärbt, die zu seiner Umsetzung (Bonhoeffer würde freilich von „Wegbereitung“ sprechen) legitim sind. Gottes Ziel ist der Mensch, deswegen darf es nicht zur Regel werden, dass er in Gottes Namen geopfert wird.

 

[1] Die frühe Bonhoeffer-Rezeption in der unmittelbaren Nachkriegszeit trennte seine politische Position scharf von seinem Glauben. Er war insofern Widerstandskämpfer, aber nicht christlicher Märtyrer. Diese Sichtweise war allerdings stark einem weiterhin ungebrochenen Vaterlandsdenken verhaftet, das Bonhoeffer nur als Landesverräter einstufen konnte, wo er im Raum des Politischen agierte.

[2] Die Seitenzahlen im folgenden Fließtext beziehen sich auf die Ausgabe der „Ethik“ innerhalb der Dietrich-Bonhoeffer-Werke, Bd. 6, hg. von I. Tödt, H. E. Tödt, E. Feil und C. Green, Gütersloh 21998.

Das Recht des leiblichen Lebens – was Bonhoeffer zu religiösem Radikalismus sagt
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