Elmar Nass, Prof. Für Wirtschafts- und Sozialethik WLH Fürth

Das Christsein in der Welt von heute immer neu zu denken, hat uns in den letzten Jahrzehnten nicht nur Segen gebracht. Säkulares Denken und dessen Konsequenzen für ethische Orientierung bringen christliches Argumentieren mehr und mehr in die Defensive. Auch in theologischer Ethik verdrängen solche Neuerungen traditionelle Muster und Begründungen. So ist es an der Zeit, einmal innezuhalten und das Neue – soweit möglich – danach zu befragen, ob und wie es die Botschaft Jesu heute weiterbringt. Zum Reformationsjubiläum lohnt sich dafür eine ökumenische Perspektive, will uns doch das „Solus Christus“ daran erinnern, bei aller Weltbezogenheit unsere wichtigste Orientierung im Blick zu halten. Dazu helfen einige Grundgedanken von Martin Luther und von Philipp Melanchthon, dem großen Humanisten und Dialogpartner des Erasmus von Rotterdam.

Zunächst einige ethisch relevante Grundüberlegungen dieser beiden Reformatoren. Beide wollten vorgefundene Unfreiheit überwinden, vor allem die menschliche Willkür im Umgang mit Gottes Gnade. Erkenntnis kommt für sie dabei nicht zuerst aus der paganen Philosophie, sondern aus der göttlichen Offenbarung. Nicht Autonomie und Selbstbestimmung machen den Menschen frei, sondern im Gegenteil die Verinnerlichung der Botschaft Jesu. Die Reformatoren machen auch eine Krise des Menschen aus. Luther fragte nach dem Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zum Nächsten und zu Gott. Wir finden hier die Idee des mit dem Sündenfall im Ganzen verderbten Menschenwesens, das dennoch nicht verloren ist. Vor allem bei Luther kommt alles Liebenswerte des Menschen allein von Gott. Für theologische Ethik heute folgt daraus eine dringende Warnung vor menschlicher Hybris im Umgang mit modernen Möglichkeiten der Technik, Medizin und anderes. Akzeptabilität in ethischen Debatten darf nicht allein aus der Verantwortung des Menschen vor sich selbst und den anderen abgeleitet werden, sondern immer aus der Verantwortung vor Gott. Mit den Reformatoren können wir auch Aspekte der umstrittenen Zwei-Regimenter-Lehre heranziehen. Danach gibt es einen Kampf der göttlichen Welt (hier herrscht die Liebe Christi) mit der Macht des Bösen. Solange dieser Kampf nicht ausgefochten ist, braucht es ein Dazwischen: eben das weltliche Reich, in dem einer eigenen irdischen Logik folgend auch Zwang und Gewalt noch legitim sein können. Die weltliche Gewalt muss einerseits realistisch in der Welt, wie sie ist, ansetzen und sich Schritt für Schritt der Lex charitatis annähern. Politische Schwärmerei lehnen die Reformatoren deutlich ab, ebenso eine Theokratie. Andererseits darf kein konkurrierendes Letztprinzip als politische Orientierung an die Stelle der Liebe Gottes gesetzt werden.

Richten wir vor diesem Hintergrund den Blick auf einige Herausforderungen zum Selbstverständnis von Theologie und Kirche heute und mögliche Orientierungen auf Grundlage reformatorischer Ideen.

Erkenntnislehre: Das Naturrecht ist zumindest an deutschen Fakultäten weitgehend tot. Manche Ethik verweist auf eine interessengeleitete Auslegung der Heiligen Schrift (Eisegese), etwa im Sinne von Feminismus, Gender-Perspektive oder Befreiungstheologie. Es soll ein methodologischer Atheismus, also der Verzicht auf den Gottesbezug in der Argumentation, theologische Anschlussfähigkeit an zeitgenössische Wissenschaften ermöglichen. Zugleich tritt im Argumentieren der Wahrheitsbegriff hinter die Toleranz gegenüber anderen Auffassungen zurück. Luther und Melanchthon würden wohl widersprechen. Beide, vor allem Melanchthon, verwerfen das Naturrecht nicht. Offenbarung zeige sich vielmehr in Naturrecht und Evangelium. Denn beide Quellen bringen die gleiche Lex charitatis zum Ausdruck. So hat es etwa auch Joseph Ratzinger 1964 in seinem Artikel „Naturrecht, Evangelium und Ideologie in der katholischen Soziallehre“ herausgestellt und als Papst in seiner Enzyklika „Caritas in veritate“ vertieft. Diese ökumenische Brücke trägt das Naturrecht ökumenisch weiter. Einer politisch motivierten Eisegese trat Luther entgegen, als er die revolutionären Bauern mit ihren entsprechend gefärbten Schriftdeutungen mäßigen wollte. Einseitige Vereinnahmungen der Schrift sind abzulehnen. Und theologisches Argumentieren soll sich – so vor allem Melanchthon – letztlich an der die menschliche Vernunft übersteigenden Ratio Jesu orientieren, sie offen bekennen und sie auch ausdrücklich als eigenständige wie einladende metaphysische Erkenntnistheorie entfalten und ins Gespräch bringen.

Anthropologie: Vor allem in der Rechtfertigungslehre sehen viele Theologen das trennende Profil evangelischer Ethik. Melanchthon baut auch hier eine ökumenische Brücke. Der Mensch trage trotz des Sündenfalls mit dem „lumen naturale“ eine natürliche Befähigung der Gottesschau in sich. Diese werde durch den Dekalog erleuchtet und komme im Evangelium Christi zur Vollendung. Gott bietet dem Menschen diese drei Perspektiven zur Gottesschau an. Der Mensch muss sie aber selbstverantwortlich einsetzen. So öffnet Melanchthon ökumenisch bedeutsam die Tür für ein Mittun des Menschen an seinem Heil. Der Mensch muss Ja sagen zu Gott aus eigenem Entschluss. Es wird einerseits ein Rest-Gutsein des Menschen wie auch eine gemäßigte Auslegung der Rechtfertigung angenommen, die für eine katholische Position anschlussfähig sein können. Unser christliches Menschenbild ist in diesem Licht noch viel klarer als eine überzeugende Einheit zu verstehen. Wir sind moralische Wesen, weil Gott uns die Verantwortung zutraut, auch gegen den uns innewohnenden Hang zum Bösen diese Anlagen zu entfalten. Denn Jesus Christus hat einen neuen Bund mit den Menschen geschlossen und uns dazu den Heiligen Geist gegeben. Gott tritt mit der Schöpfungsordnung und diesem neuen Bund in Vorleistung, um den Menschen als freien und moralischen Wesen den Weg zum Heil zu ermöglichen. Diesem Auftrag kommt der Mensch nach, indem er seine Naturanlagen der Freiheit und Sozialität als Antworten darauf entfaltet. Diesen Weg zum Heil geht der Mensch nach christlichem Verständnis in Verantwortung vor und immer auch mit Gott.

Freiheit zum Andersdenken muss ihren Raum haben

Bei Gewissensfragen ist das Reden von einer Macht des Bösen heute weitgehend weicheren Formulierungen gewichen. Die 2-Regimenter-Lehre baut dagegen auf dem Kampf Gottes mit dem Satan auf. Gegen das Teuflische in der Welt kann Luther auch Gewaltanwendung begründen. Er machte dafür den Papst seiner Zeit als Feind aus. Heute sollten uns da andere Phänomene in den Sinn kommen. Die vielbeschworene Freiheit des Christenmenschen konkurriert gegenwärtig mit einer modernen Kasuistik auch innertheologisch vorgegebener Sach- oder Denkzwänge, die etwa vorgeben, was zu kaufen, zu tun oder politisch zu denken ist und was nicht. Die Reformatoren wollten gerade von menschengemachter Kasuistik befreien. Hierzu machten sie auch das an Aristoteles orientierte Epikie-Prinzip der Billigkeit stark, mit dem Einzelfallentscheidungen auch jenseits von bekannten Regeln christlich legitimierbar sind. So bleibt dann auch gerade in der Ethik Raum für die Ratio Gottes, die jede menschliche Gesetzlichkeit übertrifft. Für uns heute heißt das: Solche Freiheit zum Andersdenken muss in Theologie und Gesellschaft ihren Raum behalten.

Sozialethik: Eine Politisierung erleben wir seit längerem etwa auf Kirchen- und Katholikentagen. Fragen des Umweltschutzes, Lebensformen und Umverteilungsaspekte treten offensichtlich in den Vordergrund. Parteipolitiker nutzen die Bühne für ihre wie auch immer hergeleiteten Positionen, und das oft ohne irgendwelche Bezüge zu Jesus Christus und seiner Botschaft. In moderner theologischer Ethik wird dann zuerst mit Habermas, Nida-Rümelin, Rawls, Popper oder Homann argumentiert, um anschlussfähig zu sein, nicht aber mit Heiliger Schrift, Jesus, Thomas, Luther oder denen, die ihre Argumente aus einer auf die Offenbarung bezogenen Systematik (etwa Höffner, Ratzinger, Nell-Breuning) speisen. Solches Denken hängt sich an vorgegebene säkulare Muster und lässt das sie ausmachende metaphysische Moment schnell hinter sich. Der Anspruch der Universalisierbarkeit wird preisgegeben und durch eine sogenannte Transpartikularität übersetzt. Orientierungen für alle Menschen können dann nicht mehr beansprucht werden. Die Zwei-Regimenter-Lehre fordert etwas anderes: Ihr zufolge besitzt die Welt zwar ihre eigene Logik, die auch Gewalt und Zwang legitimieren kann. Doch ist es die Aufgabe von Theologie und Kirche, dieses Provisorium Schritt für Schritt der Logik der Lex charitatis anzunähern, die in Jesus Christus vor Vollendung kommt. Dann müssen die Vorzeichen theologischen Dialogs mit säkularer Wissenschaft gerade umgedreht werden. Nicht die weltliche Logik darf die theologische kolonialisieren, sondern die ihrem Wesen nach universalistische, theologische soll Schritt für Schritt die weltliche durchdringen.

Amt: Gerade auf katholischer Seite hat das Ansehen des kirchlichen Amtes Schaden genommen. Als Lösung wird bisweilen für die katholische Kirche eine Demokratisierung nach evangelischem Vorbild vorgeschlagen. Auch die Reformatoren prangerten eine Kleruskrise in ihrer Zeit an. Für sie war es der Klerikalismus, der sich weit von seinem Ideal entfernt hatte. Die Suche nach dem gnädigen Gott sei in verweltlichter Selbstgerechtigkeit abhandengekommen. Nicht weltliche Macht, sondern Christus sei dementgegen der einzige König der Kirche. Glaubwürdige Vertreter müssen ihn deshalb habituell vorleben. Gebet, Askese und Leben müssen gemeinsam mit dem Gesetz Christi übereinstimmen, das ist das Maß der Autorität. Was heißt das heute? Keineswegs muss die katholische Kirche ihr Weiheverständnis zur Disposition stellen, welches ja über die apostolische Sukzession bis zu Jesus selbst zurückzuverfolgen ist. Doch sollten wir den Hinweis auf die Autorität durch glaubwürdiges Christus-Bekenntnis in Wort und Tat ernst nehmen. Die bloße Verrichtung von Gebeten und selbstverliebtes Amt sind für sich genommen kein Beweis für Heiligkeit, ganz zu schweigen von Arroganz, Unbarmherzigkeit oder bloß politischem Reden vom Ambo. Vielmehr müssen wir uns durch die Fragen der Reformatoren wie auch durch das Vorbild von Papst Franziskus anspornen lassen zu einer überzeugend glaubwürdigen, weil Jesus Christus mehr als uns selbst liebenden Amtsführung. Demokratisierung legen uns die Reformatoren dabei gerade nicht ans Herz. Denn es geht letztlich nicht um Mehrheitsbeschlüsse, sondern um die eine Wahrheit Christi, und der ist schließlich König.

Mit Luther und Melanchthon können wir jetzt auch kirchliches und theologisches Selbstverständnis heute neu kritisch justieren. Dazu zählen vor allem: die Überwindung des methodologischen Atheismus durch die Rationalität des Evangeliums, die Betonung der ökumenisch gemeinsamen Begründungen und Inhalte christlicher Anthropologie, der bleibende Raum für das Mysterium und damit das überraschende Wirken Gottes in der Welt, die Bekämpfung des Bösen, eine die säkulare Logik der Welt einladende metaphysische und bekenntnishafte Methodologie sowie eine Rückbesinnung des Amtsverständnisses auf eine glaubwürdig ausstrahlende Imitatio Christi. Die christliche Antwort auf säkulare Denkmuster in der Welt und deren Eindringen in theologisches Denken muss also nicht modern sein: „Modern“ verstanden in dem Sinne, Orientierung zuerst in diesem Neuen zu finden und sich so als zeitgemäßer Gesprächspartner auszuweisen. Reformatorisches Denken in unsere Zeit übersetzt heißt dann auch vielmehr, dem Göttlichen und Säkularen wieder seinen angemessenen Platz zuzuweisen. Für Christen ist die Ratio Christi das Letztprinzip der Ethik. Glauben wir doch einfach wieder daran, dass dieser Geist tatsächlich auch die Welt durchdringen kann, dann ist klar, dass er wieder an die erste Stelle gehört.

(Die Tagespost vom http://www.die-tagespost.de/feuilleton/Christus-als-Letztprinzip-der-Ethik;art310,182761 )

Christus als Letztprinzip der Ethik – Gedanken zum Reformationsjubiläum
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