Dr. Christian Hecker, Bundesbankdirektor, tätig in der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Er gibt hier ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.

Kaum ein Wirtschaftszweig in Deutschland ist binnen kurzer Zeit dermaßen in Verruf geraten wie der Bankensektor. Vor allem die Finanzmarktkrise ab 2007 schien in den Augen der Öffentlichkeit einen Abgrund an moralischer Verderbtheit zu enthüllen. So ist es kein Wunder, dass die Großbanken im GemeinwohlAtlas des „Center for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen“[1] durchweg auf den hinteren Plätzen gelandet sind.

Als Paradebeispiele für moralisches Fehlverhalten im Finanzsektor galten überkomplexe und auf Intransparenz angelegte Finanzprodukte sowie überhöhte Risiken, die später zu staatlichen Bankenrettungen von ungeahntem Ausmaß führten und in vielen Ländern die Staatsverschuldung deutlich erhöhten. Nun war allerorten von der „Gier der Banker“ die Rede, insbesondere als sich herausstellte, dass die meisten der Verantwortlichen unverändert die „Früchte“ ihrer Arbeit in Form millionenschwerer Boni genießen konnten, während der Staat die Verluste ihrer Banken übernahm und die Weltwirtschaft von der schwersten Rezession seit der „Great Depression“ der dreißiger Jahre heimgesucht wurde.

In diesem Kontext fällt es bisweilen schwer, einen nüchternen Blick auf die Ereignisse im Finanzsektor zu bewahren, insbesondere weil manche der beobachteten Exzesse aus moralischer Sicht kaum entschuldbar erscheinen. Umso wichtiger ist es jedoch, dass die berechtigte  moralische Verurteilung nicht den Blick auf die Krisenursachen verdeckt, denn nur dadurch können künftige Krisen vermieden werden. Dies gilt umso mehr, als die kritisierten Fehlentwicklungen bei näherem Hinsehen zumeist weniger mit einer explosionsartigen Vermehrung von Gier und anderen Untugenden zu tun haben als mit als mit problematischen wirtschaftspolitischen Fehlsteuerungen. Und diese lassen sich kaum mit moralischem Rigorismus, aber sehr wohl mit kluger Ordnungspolitik bekämpfen.

Ein Beispiel dafür ist die „Too Big To Fail“-Problematik. So hatte sich an den Finanzmärkten die Überzeugung durchgesetzt, dass große („systemrelevante“) Banken im Krisenfall von ihren Sitzländern Unterstützung erhalten würden, um einen Bankrott mit unkalkulierbaren Auswirkungen zu vermeiden. Infolgedessen gingen Investoren so hohe Risiken ein, dass beim Auftreten größerer Verluste tatsächlich nur die öffentliche Hand helfen konnte.

Um hierbei Abhilfe zu schaffen, bedarf es verschiedener Maßnahmen. Hierzu zählt u.a. ein Mechanismus zur geordneten Abwicklung systemrelevanter Banken auf Kosten der Eigentümer und Fremdkapitalgläubiger, wie er inzwischen sowohl für Deutschland als auch auf europäischer Ebene (als sog. „Single Resolution Mechanism“) verabschiedet wurde. Erforderlich ist ebenfalls eine verbesserte Eigenkapitalausstattung von Banken, damit diese im Verlustfall stärker als bislang dazu in der Lage sind, die Verantwortung für die Folgen ihrer Geschäftspolitik auch tatsächlich zu übernehmen. Auch hierfür wurden inzwischen globale Regeln verabschiedet („Basel III“), die nun im Laufe der nächsten Jahre umgesetzt werden. Ein weiterer Ansatzpunkt liegt bei den bankinternen Boni-Systemen, die sich in den Jahren vor der Krise regelmäßig ausschließlich am Ein-Jahres-Erfolg orientierten und zur Ignoranz mittelfristiger Risiken geradezu einluden. Inzwischen wurde auch in diesem Bereich auf EU-Ebene eine Regulierung eingeführt, die Banken dazu verpflichtet, bei der Boni-Bemessung einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren zugrunde zu legen und dadurch mittelfristige Risiken einzubeziehen. Eine vollständige Symmetrie von Gewinnchancen und Verlustrisiken liegt hiermit gleichwohl noch nicht vor. Diese wäre erst dann erreicht, wenn Entscheidungsträger im Verlustfall tatsächlich mit ihrem Privatvermögen haften würden.

Es liegt jedoch auf der Hand, dass durch derartige ordnungspolitische Maßnahmen auch künftig nicht sämtliche Fehlsteuerungen unterbunden werden können. Daher gilt auch für den Bankensektor, dass unternehmerische Freiheit mit einer eigenständigen Wahrnehmung von Verantwortung einhergehen muss. Das bedeutet insbesondere, dass die praktizierten Geschäftsmodelle tatsächlich auf einer nachhaltigen Wertschöpfung zum Vorteil der Kunden beruhen müssen und Risiken korrekt zu bewerten und auszuweisen sind. Die damit verbundene Verantwortung der Banken und ihrer Entscheidungsträger geht zweifellos über die Einhaltung gesetzlicher Normen hinaus, d.h. neben der Legalität spielt auch die gesellschaftliche Legitimität eine Rolle.

In diesem Kontext kann auch öffentliche Kritik, vor allem aus der Zivilgesellschaft, eine wichtige Korrekturfunktion ausüben. Es gilt also: Bankenkritik – ja, aber bitte mit Sachverstand und Augenmaß!


[1]http://www.gemeinwohlatlas.de/atlas#/&dims%5Bweights%5D%5Bbenefit%5D=0.25&dims%5Bweights%5D%5Bsocial_cohesion%5D=0.25&dims%5Bweights%5D%5Bquality_of_life%5D=0.25&dims%5Bweights%5D%5Bethics%5D=0.25&selected=&highlighted=&&mode=list.

„Banker-Gier“ und Bankenschelte
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Ein Gedanke zu „„Banker-Gier“ und Bankenschelte

  • 28. Mai 2017 um 19:31
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    „Die Aussage, zu den praktizierten Geschäftsmodellen[….] geht zweifellos über die Einhaltung gesetzlicher Normen hinaus, d.h. neben der Legalität spielt auch die gesellschaftliche Legitimität eine Rolle“. Der Autor verwechselt hier Ursache und Wirkung. Die Geschäftsmodelle sind so zu modellieren, dass die Frage der gesellschaftlichen Legitimität erst gar nicht gestellt werden muss. Denn das Subprime-Debakel konnte nur deswegen seine ökonomischen Wirkungen erreichen, weil die Banken gemeinsam mit den Ratingagenturen ein Derivatesystem aufgebaut hatten, dass alle Risiken in den gehandelten Wertpapieren so verschachtelt wurden, dass diese nicht mehr erkennbar waren. Wobei der ursächliche Auslöser für diese Art von Krediten, eine sehr bewusste Negierung von jeglichen seriösen Bonitätsprüfungen der Banken in den USA im Vorfeld war, um Kredite für Häuserkäufe in einem großen Stil zu gewähren. Die angesprochene Basel III-Richtlinie ist bis heute nur in Teilbereichen umgesetzt worden, wobei die USA diese Regel nicht mittragen wollen. Auch eine Verschärfung der Abhängigkeiten zwischen den Ratingagenturen und der emittierenden Bank als Auftraggeber zur Bewertung von Wertpapieren sind bis heute nicht umgesetzt worden. Unabhängig davon, dass es weltweit nur vier Ratingagenturen gibt und somit ein weltweites Monopol dieser Gesellschaft gesichert ist. Fazit: Ethik beginnt nicht bei den Gesetzgebungen, sondern in den Köpfen der Verantwortlichen Vorstände und Mitarbeiter, politische normative Randbedingungen können nur als Leitplanke dienen. Wie weit die Bankenbranche davon noch entfernt ist, kann man daran erkennen, dass z.B. die Deutsche Bank bis in aktueller Zeit hinein immer noch mit diversen Skandalen, und zwar begonnen nach (!) dem Subprime-Debakel, vor fast einer Dekade zu kämpfen hat.

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